Wenn in Familien nicht über Gefühle gesprochen wird
- 28. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Inhalt:
Wie ich bereits in meinen vorherigen Blogbeiträgen deutlich gemacht habe, sind Gefühle wertvoll und kraftvoll. Sie sind ein essenzieller Teil unseres Menschseins und unserer Identität.
Doch was passiert, wenn wir in unserer Kindheit das Gefühl vermittelt bekommen, dass wir nicht über unsere Emotionen sprechen dürfen? Wenn in Familien Gefühle unter den Teppich gekehrt werden?
Das kann Kinder tief verletzen – manchmal sogar traumatisieren. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.
Wenn Schweigen zur Gewohnheit wird
In meiner Familie wurde nie über Gefühle oder emotionale Themen gesprochen. Man sprach über das Essen, den Garten, das Wetter oder über andere Menschen – aber niemals darüber, was einen selbst wirklich bewegte.
Ich hatte früh das Gefühl, dass Emotionen bei uns nicht erwünscht waren. Schon gar nicht die Negativen. Wenn es mir schlecht ging, sollte ich am besten still sein, um andere nicht zu belasten. Niemand hat mir das je direkt gesagt – und doch hat sich diese Überzeugung tief in mir verankert.
Bis heute fällt es mir manchmal schwer, anderen von meinen Problemen zu erzählen oder offen auszusprechen, wenn mich etwas stört oder ich mir etwas wünsche. Vor allem dann, wenn ich denke, dass es mein Gegenüber belasten könnte, schweige ich lieber – anstatt für mich einzustehen.
Und ich bin damit nicht allein.
Im Laufe der Zeit habe ich viele Menschen kennengelernt, denen es ähnlich ergangen ist und die bis heute unter diesen Prägungen leiden.
„Wenn mein Vater im Raum war, durfte man nichts Negatives sagen. Man sollte lächeln und so tun, als wäre alles in Ordnung. Manchmal konnte ich mit meiner Mutter sprechen, doch sobald mein Vater nach Hause kam, wandte sie sich von mir ab und wies mich und meine Gefühle zurück. Bis heute fällt es mir schwer, mich anderen anzuvertrauen – selbst guten Freunden.“
„Über Gefühle wurde in meiner Familie nicht gesprochen. Es war nicht erwünscht. Rückblickend hatte ich oft das Gefühl, nicht um meiner selbst willen geliebt zu werden, sondern nur dann, wenn ich diesen Teil von mir versteckte.“
Wenn deine Gefühle nicht „okay“ sind, fühlst du dich selbst nicht okay
Unsere Gefühle sind ein Teil von uns. Wenn wir nicht sagen dürfen, dass es uns schlecht geht, vermittelt uns das unterschwellig: Dieser Teil von dir ist nicht richtig. Nicht akzeptiert. Nicht erwünscht.
So ging es auch mir. Ich begann zu glauben, dass ich nicht ganz richtig bin, so wie ich bin. Dass es da einen Teil in mir gibt, der nicht liebenswert ist.
Solche Überzeugungen entstehen häufig, wenn Eltern nicht mit ihren Kindern über Gefühle sprechen oder negative Emotionen konsequent übergehen.
Doch gerade Kinder haben ein tiefes Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wenn sie lernen, dass bestimmte Gefühle nicht willkommen sind, beginnen sie, sich anzupassen. Sie verstellen sich – in der Hoffnung, so akzeptiert und geliebt zu werden.
Aber sich zu verstellen isoliert uns innerlich. Es macht uns auf Dauer unglücklich.
Echte Nähe und Verbundenheit entstehen durch Authentizität, Ehrlichkeit und Offenheit – nicht durch das Verbergen unserer Gefühle.
Wenn in Familien nicht über Emotionen gesprochen wird, kann das langfristig das Selbstwertgefühl eines Kindes beschädigen. Auch das Vertrauen in andere Menschen leidet. Die Fähigkeit, sich mitzuteilen und darauf zu vertrauen, so akzeptiert zu werden, wie man ist, wird geschwächt.
Das kann dazu führen, dass wir uns ein Leben lang anpassen – und uns dennoch nie wirklich Zugehörig fühlen können.
Dies wiederum führt dann zu wiederkehrenden Beziehungsproblemen, einem geringen Selbstwertgefühl, sowie einem erhöhten Risiko für Depression und Burnout Erkrankungen.
Ein Generationsproblem
Warum fällt es so vielen Familien schwer, über Gefühle zu sprechen?
Die Gründe sind vielfältig, doch vieles hat mit unserer Vergangenheit zu tun. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es gesellschaftlich nicht üblich, offen über Emotionen zu sprechen – ganz im Gegensatz zu heute. Man wusste schlicht weniger darüber, wie wichtig emotionale Kommunikation für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist.
Oft versuchen Eltern auch Dinge vor vor Ihren Kindern zu verbergen, um sie zu schützen. Psychische Probleme der Eltern, Sucht, oder auch Finanzielle Probleme werden gerne " Tod geschwiegen". Doch die Kinder bekommen es trotzdem mit und das Schweigen belastet sie zusätzlich.
Auch die deutsche Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen. Über das unvorstellbare Grauen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs wurde nach Kriegsende oft geschwiegen. Schuld, Scham und Angst führten dazu, dass viele Menschen verdrängten, was geschehen war.
Viele traumatisierte Überlebende blieben mit ihrem Schmerz allein.
Doch Kinder sind sensibel. Sie spüren die unausgesprochenen Gefühle ihrer Eltern – auch wenn sie sie nicht verstehen können. Gleichzeitig neigen Kinder dazu, das Verhalten und die Emotionen ihrer Eltern auf sich selbst zu beziehen.
So wurde viel Leid unbewusst weitergegeben – von Generation zu Generation. Nicht aus böser Absicht, sondern aus Überforderung und Unwissenheit.
Schweigen und Wegsehen sind jedoch keine Lösungen. Sie konservieren Schmerz, statt ihn zu heilen.
Fazit: Es ist nie zu spät
Vielleicht wurde auch in deiner Familie nicht über Gefühle gesprochen. Vielleicht fällt es dir heute schwer, dich zu zeigen. Vielleicht kämpfst du mit Selbstzweifeln oder dem Gefühl, nicht ganz richtig zu sein.
Doch die gute Nachricht ist: Es ist niemals zu spät, hinzusehen. Es ist niemals zu spät für Heilung.
Du darfst lernen, deine Gefühle ernst zu nehmen. Du darfst lernen, dich mitzuteilen. Du darfst lernen, dass alle Anteile von dir willkommen sind.
Und du musst diesen Weg nicht allein gehen.
Wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst, begleite ich dich gern dabei, alte Prägungen zu lösen und neue Erfahrungen von Echtheit, Selbstwert und Verbundenheit zu machen.



Kommentare